FACTSHEET | Rationale Pharmakotherapie als Baustein einer nachhaltigen ambulanten Versorgung
Eine rationale Pharmakotherapie bildet einen wichtigen Pfeiler für eine hochwertige, sichere und umweltverträgliche medizinische Versorgung. Wenn geeignete Medikamente gezielt, in angemessener Dosis und für die notwendige Dauer eingesetzt werden, sinken unnötige Risiken, Ausgaben verringern sich und der ökologische Fußabdruck wird kleiner.
Evidenzbasierte Entscheidungen, ein systematisches Medikationsmanagement, die Erstellung eines einheitlichen Medikationsplans (bundeseinheitlicher Medikationsplan, BMP), Deprescribing sowie die bewusste Wahl umweltfreundlicher Darreichungsformen und Wirkstoffe sind wichtige fördernde Elemente und Prozesse.
Das Qualitätssiegel Nachhaltige Praxis der Stiftung Praxissiegel e. V. in Kooperation mit dem aQua-Institut unterstützt Sie bei der Umsetzung einer rationalen Pharmakotherapie, zum Beispiel durch E-Learning, schrittweisen Anleitungen sowie einer Erfolgskontrolle. Zudem ermöglicht die Teilnahme Fortbildungspunkte [1].
Die wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Relevanz von Arzneimittelverordnungen
In der ambulanten Versorgung machen Arzneimittel einen der umfangreichsten Ausgabenposten aus, was die Notwendigkeit rationaler Ansätze unterstreicht. Die Nettoausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für Medikamente haben sich von etwa 33,4Milliarden Euro im Jahr 2014 [2] auf 50,2 Milliarden Euro im Jahr 2023 [3] deutlich erhöht – ein Zuwachs von 51 Prozent. Besonders patentgeschützte Präparate beanspruchen einen hohen Anteil dieses Budgets. Für das Jahr 2024 rechnen Expert:innen mit einem weiteren Anstieg auf bis zu 55,2 Milliarden Euro [4].
Solche Entwicklungen machen klar: Eine Pharmakotherapie, die Wirtschaftlichkeitsreserven ausschöpft und geeignete preisgünstige Altnativen wie Generika oder Biosimilars berücksichtigt, ist von großer Bedeutung. Dabei trägt sie nicht nur zur Kostenkontrolle bei.
Die Nachhaltigkeitsaspekte gehen darüber hinaus: Jede vermiedene unnötige Verordnung schont nicht nur den Geldbeutel der Versichertengemeinschaft und vermeidet Arzneimittelrisiken, sondern reduziert auch Verpackungsabfall und den Eintrag schädlicher Substanzen in die Umwelt. Eine kritische Indikationsstellung bei umweltbelastenden Wirkstoffen oder die Bevorzugung klimafreundlicher Darreichungsformen bekommen zunehmend Bedeutung.
Medikationsmanagement: Transparenz und Sicherheit schaffen
Viele Erkrankte bekommen mehrere Medikamente verordnet. Ein effektives Medikationsmanagement ist daher ein wichtiger Bestandteil einer rationalen Pharmakotherapie. Es beinhaltet zunächst die vollständige Erfassung und Prüfung aller Medikamente, einschließlich der Selbstmedikation, im Sinne des „Brown-Bag-Review“. Bei arzneimittelbezogenen Problemen wird anschließend die Medikation angepasst. Mithilfe des Medikationsmanagements werden zum Beispiel Doppelverordnungen, Wechselwirkungen oder eine Fehlversorgung erkannt, gelöst oder vermieden. Die Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) wird erhöht. Im Praxisalltag unterstützt das Praxisverwaltungssystem (PVS) mitunter durch integrierte AMTS-Checks.
Besondere Aufmerksamkeit gilt Erkrankten mit Polypharmazie – definiert als mindestens fünf dauerhaft eingenommene Arzneimittel – oder mit Multimorbidität, bei drei oder mehr chronischen Erkrankungen. Diesen wird mindestens einmal jährlich die Überprüfung der Medikation empfohlen, ergänzt durch anlassbezogene Prüfungen, etwa nach einem Sturz oder einer Klinikentlassung. Ein regelmäßig aktualisierter BMP dient dabei als wichtige Informationsquelle und trägt dazu bei, Über- und Fehlversorgung zu vermeiden [5].
Die Kommunikation mit den Patient:innen spielt des Weiteren eine Schlüsselrolle: Das gemeinsame Besprechen von Einnahmegründen, Therapiezielen, infrage kommenden Medikamenten, der Anwendungsdauer, Nebenwirkungen und Patient:innenwünschen schafft Klarheit, beugt Missverständnissen vor und stärkt die Eigenverantwortung. Es fördert Ihre Beziehung auf Basis einer evidenzbasierten, gemeinsamen Entscheidungsfindung und verbessert die Therapieadhärenz. In der Praxis hilft im Team eine klare Rollenverteilung – von der ärztlichen Entscheidung bis zur Unterstützung durch Ihre MFA – um effizienter zu arbeiten und Fehlerquellen zu minimieren.
Infokasten: Schrittweise Anleitung zum Medikationsmanagement
Vorbereiten |
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Erfassen |
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Prüfen |
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Entscheiden |
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Umsetzen und dokumentieren |
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Klare Anwendungsdauer und Deprescribing: Weniger ist oft mehr
Eine rationale Pharmakotherapie versucht unnötige Arzneimittel einzusparen. Die Festlegung einer klaren Anwendungsdauer hilft, dass Verordnungen sich nicht unnötig verlängern. Praktisch bedeutet das: Versuchen Sie auf jedem Rezept und im PVS die geplante Anwendungsdauer zu notieren und Ihren Patient:innen mitzuteilen. Nutzen Sie die Packungsgröße als Steuerungsinstrument [5].
Ist nach einer befristeten Behandlung ein Wiederholungsrezept sinnvoll? Stimmen bei einer Bedarfsmedikation die Abstände zwischen den Verordnungen? Selbst bei langfristigen Therapien ist eine regelmäßige Überprüfung der Indikation und des Nutzens von Bedeutung, um unnötige Dauertherapien zu vermeiden. Dokumentationstipps wie „Therapieziel + Dauer in einem Satz“ oder entsprechende PVS-Felder (zum Beispiel „Dauer bis / Überprüfung am“) erleichtern die Umsetzung und sorgen für Nachverfolgbarkeit.
Deprescribing ergänzt diesen Ansatz, indem ungeeignete Medikamente systematisch absetzt werden. Mögliche Gründe hierfür sind zum Beispiel eine fehlende Indikation, Gegenanzeigen, Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen. Im Prozess des Deprescribings werdeninfrage kommende Medikamente erfasst, deren Risiko und Nutzen unter Einbeziehung der Patient:innen abgewägt, ein gegebenenfalls ausschleichendes Absetzen verordnet sowie der Behandlungsverlauf beobachtet. Mittlerweile stehen für das Absetzen Algorithmenals Hilfestellung zur Verfügung [5].
Infokasten: Mögliche Gründe für Deprescribing
Fehlende Indikation
Fehlende Wirksamkeit
Gegenanzeigen
Nicht vertretbare Nebenwirkungen
Wechselwirkungen
Doppelverordnungen
Geringer Nutzen in der zu erwartenden Lebenserwartung
Wunsch der Patient:innen
Umweltbelastung mindern: Bewusste Wahl von Darreichungsformen und Wirkstoffen
Die Pharmakotherapie hat ökologische Konsequenzen, da Arzneimittelrückstände über Abwasser in Gewässer, Böden und teilweise ins Trinkwasser gelangen und nachteilige Effekte auf die Umwelt entfalten können [6].
Rationale Ansätze fordern daher eine kritische Prüfung: Sind besonders belastende Wirkstoffe wie zum Beispiel Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone, Schmerzmittel wie Diclofenac, Hormone wie Ethinylestradiol oder ausgewählte Psychopharmaka verzichtbar? Sind Alternativen mit geringerem Umweltrisiko ebenso geeignet?
Eine korrekte Anwendung, begrenzte Anwendungsdauer und ordnungsgemäße Entsorgung ungenutzter Reste sind von großer Bedeutung. Mit wenigen aber wichtigen Informationen zu diesen Aspekten kann Ihre Praxis einen aktiven Beitrag am Umweltschutz leisten.
Die Bedeutung der Darreichungsformen zeigt sich besonders bei Inhalativa: Dosieraerosole enthalten fluorierte Treibgase, die den Treibhauseffekt verstärken, während Pulverinhalatoren (DPI) keine Treibmittel benötigen und einen deutlich niedrigeren CO₂-Fußabdruck aufweisen. DPI sind nicht für alle Erkrankten geeignet, ermöglichen aber bei infrage kommenden Patient:innen die Möglichkeit einer erheblichen Einsparung von Treibgasen. Grundlegend ist eine Schulung für die korrekte Anwendung [5]. Dies schützt nicht nur die Umwelt, sondern verbessert auch die Wirksamkeit und stärkt die Akzeptanz.
Infokasten: Checkliste „Umwelt im Blick“ bei der Verordnung
Gibt es eine gleichwertige Alternative mit niedrigerer Umweltgefährdung?
Ist der Arzneimittelwirkstoff in Listen besonders umweltbelastender Wirkstoffe genannt? Siehe hierzu zum Beispiel Janusinfo Region Stockholm.
Ist eine umweltfreundlichere Darreichungsform geeignet?
Patient:innen zur ordnungsgemäßen Entsorgung informieren, zum Beispiel über den Restmüll, über Schadstoffmobile oder über Apotheken.
Unterstützung durch das Qualitätssiegel Nachhaltige Praxis
Das Qualitätssiegel Nachhaltige Praxis unterstützt Sie dabei, Nachhaltigkeit und Klimaschutz in Ihren Praxisalltag zu integrieren und zu leben. Bei Erfüllung des Siegels haben Sie verschiedene Kernanforderungen aus vier verschiedenen Modulen umgesetzt. Die rationale und nachhaltige Pharmakotherapie ist dabei eines der vier Module [5]. Im Rahmen des Siegels erhalten Sie Indikatoren zur Selbstbewertung, ein CME-fähiges E-Learning, Materialien wie Arbeitsanweisungen für eine schrittweise Umsetzung sowie Auditoren-Feedback. Ab 50 Prozent Erfüllung der Indikatoren erhält Ihre Praxis das Siegel „Nachhaltige Praxis“, bei 100 Prozent mit Auszeichnung „Exzellent“ [1].
Für das Qualitätssiegel registrierte Praxen haben kostenlosen Zugriff auf das Indikatorenhandbuch. Arztpraxen, die am Selektivvertrag „Hausarztzentrierte Versorgung“ (HzV) teilnehmen, erhalten für das Siegel in vielen Regionen einen Innovationszuschlag. Ergänzend eignet sich der QISA-Band F3 „Gesundheitsversorgung im Klimawandel“ mit Indikatoren zu klimasensibler Versorgung [7]. Die Inhalte helfen Ihrer Praxis, Prozesse klimafreundlicher auszurichten.
[1] https://www.aqua-institut.de/produkte-dienstleistungen/qualitaetssiegel-nachhaltige-praxis/nachhaltige-praxis; (Zugriff zuletzt am 12.11.2025)
[2] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Statistiken/GKV/Finanzergebnisse/KJ1_2014.pdf; (Zugriff zuletzt am 28.11.2025)
[3] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Statistiken/GKV/Finanzergebnisse/KJ1_2023_Internet.pdf; (Zugriff zuletzt am 28.11.2025)
[4] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/G/GKV/Anlage_Finanzentwicklung_der_GKV_im_1.-4._Qu_2024.pdf; (Zugriff zuletzt am 28.11.2025)
[5] aQua-Institut. Indikatoren des Moduls 2: Rationale und nachhaltige Pharmakotherapie. In: Qualitätssiegel Nachhaltige Praxis – Klima, Umwelt, Mensch; Version 1.05; 12.03.2025; aQua-Institut, Göttingen; (Zugriff zuletzt am 12.11.2025).
[6] Umweltbundesamt (UBA). Arzneimittelrückstände in der Umwelt; https://www.umweltbundesamt.de/daten/chemikalien/arzneimittelrueckstaende-in-der-umwelt; (Zugriff zuletzt am 12.11.2025).
[7] Friedmacher C, Karimova K, Köppen M, Lemke D: Gesundheitsversorgung im Klimawandel. Qualitätsindikatoren für eine klimasensible Versorgung von Patientinnen und Patienten. In: Szecsenyi J, Broge B, Stock J (Hrsg.): QISA – Das Qualitätsindikatorensystem für die ambulante Versorgung, Band F3, Version 1.0, KomPart Verlagsgesellschaft, Berlin 2025; https://www.aok.de/gp/qisa/baende/band-f3-gesundheitsversorgung-im-klimawandel; (Zugriff zuletzt am 12.11.2025).